die, die das Wasser liebt
Sonntag, 6. Dezember 2020
Nicht "müssen"
Gestern bei shopping queen war so ein leicht moppeliges Mädchen (Studentin), die recht selbstbewusst durchs Leben ging. Konfektionsgröße 42 und bauchfrei...ok wieso eigentlich nicht?

Auf einer Weltkarte zeigte sie, wo sie schon überall war, bzw nicht war. Nicht in Südamerika, sonst überall. Dann zählte sie alle Länder und Kontinente auf.

Es sei ihr gegönnt und erinnert mich an die Leute aus der Uni.
Die Ärzte- und Architektenkinder, denen scheinbar die Tür zu Welt offen stehen.


Dann fahre ich mit dem Bus durch ein Problemviertel. Also die Verteilung ist ja so: Trendviertel (sehr gehoben) wo ich wohne, Hipsterviertel (Multikulti gerade im Kommen) und Problemviertel (da will keiner gerne wohnen). Aber selbst da wohnen Leute und Familien und vielleicht sogar gut.

Wenn du nur unter deinen Leuten bleibst, die ähnliche Jobs und Probleme haben, die ähnlich ticken und dir bestätigen, dass deine Art zu leben absolut normal ist, dann fühlst du dich sicher und wohl.

Du schlägst dir teure Flugreisen aus dem Kopf und denkst "Irgendwann später vielleicht, mit etwas Glück." und gehst halt wieder an die Arbeit.


Versteh mich bitte nicht falsch, ich habe einige Aufsteiger Dokus angeschaut (ganz weit vorner "Julia will es schaffen - Von ganz unten nach oben" https://www.youtube.com/watch?v=YcRt3nJqmD4 oder "Vom Hartz IV-Kind zum Elite-Studenten | WDR Doku" https://www.youtube.com/watch?v=FO13Dp9RKAI oder "Wie ist das IN ARMUT AUFZUWACHSEN?" https://www.youtube.com/watch?v=xk4XHcaFDSU oder Mariam "Hartz IV-Kinder: Wir sind nicht arm, wir haben nur kein Geld | WDR Doku" https://www.youtube.com/watch?v=gP4vxAriAsQ) und einige andere.

In diesen und anderen Dokus schaffen die Aufsteiger es dann auch wirklich nach oben.
Das geht dann etwa so: Kind hat viel Potenzial, was aber aufgrund der Umstände nicht gesehen wird. Durch einen glücklichen Zufall oder festen Willen schafft es Kind es sich zu lösen und gute Noten zu bekommen.
Ein Förderer, die Eltern oder sonstwer (neuer Freund)unterstützen das Kind, es lernt über sich hinauszuwachsen. Es gibt vielleicht anfänglich Probleme in der neuen Umgebung, jedoch lernt das Kind sich anzupassen.

Willst du meine Geschichte im Kontrast dazu hören?
Gerade weil ich ein ehemaliges Flüchtlingskind date kann ich neue Rückschlüsse auf mein eigenes Leben ziehen.

Also ja? Da muss ich etwas weiter ausholen...


Ich bin ja jetzt Anfang 30 und bekomme keinen Fuß in die Tür. Wie ich oben bereits beschrieben habe, gibt es Leute, die in einem anderen Umfeld aufgewachsen sind.

Das wurde mir nochmal im Gespräch mit dem ehemaligen Flüchlingskind bewusst, aber für mich ist er kein Flüchtling, sondern ein ganz normaler Typ, den ich aus der Uni kenne.

Ich erzählte ihm, dass ich damals überrascht war, dass alle Studentinnen wieder aus den Ferien an die Uni kamen. Weil in meinen Schulen und später auch in der Ausbildung (in einem Problemviertel) die Mädchen ungeplant schwanger wurden und nicht mehr in die Schule kamen.

"Ungeplant schwanger als Minderjährige?" fragte er erstaunt.
"Ja klar." sagte ich und dachte an meinen Bruder, der selber ungeplant mit 18 Vater wurde.
Für mich sehr normal, für ihn ein Unding. Seine Eltern sind Ärzte, mal so nebenbei (könnte später noch wichtig werden).

Jedenfalls sehe ich momentan extrem viele Schwangere in social media (nein ich schweife nicht ab, gehört alles zur Story). Und die werden auch nicht alle vorher ein super tolles, abegsichertes Leben haben (so wie ich das immer dachte).
Nein, die haben vielleicht Mindestlohnjobs (ok vllt nicht die von instagram) und wollen einfach Kinder haben und machen es dann einfach. Weil das Alter stimmt, man nen Job und Mann hat.

Wenn du eh scheinbar keine Option auf eine Verbesserung in deinem Leben hast, findest du dich eben damit ab.
Mit Grenzen, Verzichten und Nein sagen.

Meine Mutter wurde mit Mitte/ Ende 20 schwanger, sie war verheiratet und hatte eine Lehre. Und das ist ja oft der "Normalfall".

Jetzt wo ich den Jobeinstieg nicht dierekt schaffe, kann ich es nachvollziehen, dass man "abgesichert" sein möchte und es sich einfach anfühlt dann zu heiraten, weil der Mann sich dann um einen "kümmern muss" (meine Mutter kommt ja auch aus einer komplizierten Familie).

Und so lebt man sein Leben, immer am Existenzminimum, immer mit der Angst seinen Job zu verlieren, den man aber braucht, weil es keine Rücklagen gibt.

Wenn wir mal Essen gegangen sind, dann zum billigsten Schnellimbis. Im Chinarestaurant bitte nur eins von den billigsten Gerichten bestellen. Wenn ich eine neue Lampe im Zimmer brauchte, sollte ich bitte die billigste oder zweitbilligste nehmen. Ob mir das dann wirklich gefällt war egal. Hauptsache praktisch.

Du fährst in den Urlaub der irgendwie ok ist, ziehst Klamotten an, die gebraucht aber noch ok sind und lernst dich deinen geringen Mittel anzupassen.
Wechselst du den Job wirst du genauso mies behandelt, wie vorher, weil alles im Mindestlohnbereich/ Geringverdiener abläuft und da ist man austauschbar.

Doch ändern kannst du nichts. Du hast zu viele Verpflichtungen und Rechnungen zu begleichen, um etwas zu versuchen (Weiterbildung oä). Außerdem leben alle deine Freunde, deine Familie und alle in deiner Straße so wie du. Das Leben ist eben so. Also werden auch deine Kinder auf dieses Leben vorbereitet:
- das Leben ist hart
- sei pünktlich und fleißig, sonst nimmt man dir den Job weg
- nichts ist sicher im Leben
- sei unterwürfig, sag nicht nein, widerspreche nicht
- wenn jemand sagt, dass du springen sollst, fragst du wie hoch

Eine Frau sagte letztens diesbezüglich etwas passendes: "Ich wurde geboren um zu dienen." Sie sollte immer für andere da sein, einen Zweck erfüllen. Sie wurde nicht geboren, um Liebe zu bekommen, sondern um anderen Sicherheit und Liebe zu geben, Erwartungen zu erfüllen und schön brav zu sein.
Ein eigenen Kopf, Bedürfnisse und Meinung wurde NICHT anerkannt und versucht klein zu halten/ fertig zu machen.

Und wenn du erstmal in einer "Rolle" drin bist, nimmst du alles was passiert als Beweis dafür auf. Wenn sich Jemand in der Supermarktkasse vor dich stellt oder im Bahnhof einfach in dich hineinläuft. Dann denkst du "Typisch, war ja klar."

Du erfüllst unterbewusst diese Rolle. Weil auch dein gewohntes Umfeld dir immer wieder diese eintrichtert und mahnt etwas zu ändern. (Mein Vater brach mit mir, als ich von meinem Plänen mit Abi und Studium berichtete).


Von daher meine Story:
Kind will studieren (wie seine Freunde und Bekannten) und stößt immer auf Widerstände.
Bei der Berufsberatung sagt man, ein kreativer Job sei nichts für einen. Im Abi reagieren Lehrer gereizt, weil man bereits eine Lehre hat ("Was machen Sie dann hier?") und du hast kein Umfeld, dass dich bestärkt und auffängt.
Eher im Gegenteil, obwohl du gute Noten bekommst wendet sich deine Familie ab.
Du ziehst weiter durch, studierst und bekommst da wieder viel unfreundliches Verhalten. Man kritisiert alles: deine Art zu sprechen, zu denken, zu gehen, wie du ißt und mithalten kannst du eh nicht. Obwohl deine Noten am Ende ganz ok sind, du hast ohne Ende gekämpft.
Im Master merkst du dann wieder die sozialen Unterschiede, aber immerhin mobbt deine Familie dich nicht mehr. Weil du quasi vergessen oder verstoßen wurdest. Aber ohne im neuen Umfeld angekommen zu sein.

Weil es keinen Unterstützer oder Retter gibt. Du musst da alleine durch.


An diesem Punkt bin ich jetzt angelangt. Akzeptanz.
Dinge aus dem Kopf erstmal streichen. Weltreise? Utopisch. Amerika? Erstmal nicht. (Geht ja wegen Corona eh erstmal nicht).

Ich möchte einfach ein ganz normales Leben führen. Dafür brauche ich erstmal einen Job, damit ich mein Studium beenden kann. In der Zwischenzeit kann ich versuchen mehr praktische Erfahrung zu erlangen. Ich befürchte aber, dass ich zu spät dran bin.

Wieso das?
Bei den zwei Vorstellungsgesprächen klang durch, dass man bereits im Bachelor nebenbei im Büro arbeiten sollte. Damit man plump gesagt überall der Anfänger ist. Und dann mit den Jahren wächst man und lernt dazu.

Dann ist auch ein schlechtes Gehalt als Praktikant oä gerechtfertigt. Weil man Bafög oä bekommt, ist das ok.

Ich bin jetzt aber schon älter und im Master. Außerdem habe ich "nur" noch ca 9 Monate Studium vor mir. Das sei zu knapp und lohnt sich wohl nicht für einen Chef (weil der einen möglichst lange zu geringen Lohn da haben will).

Und so gebe ich erstmal auf oder vertage alles.
Da ist kein Unterstützer, keine Familie und kein Partner, der Mut gibt oder irgendwie coole Kontakte für einen hat.
Es klappt einfach nicht und ich bin müde vom kämpfen. Einfach nur müde.

Meine Freunde haben mich längst alle überholt und haben gut bezahlten Jobs, leben in schöne Wohnungen und fahren in extrem tolle Urlaube. Ich hänge hier immer noch in meiner Studentenbude (und habe Angst selbst die letzten Kontakte zu verlieren, weil die Distanz größer wird).


Nochmal zurück zu dem Bekannten aus der Uni. Es erinnert mich etwas an eine Lesung bei der ich mal war ("Ein Koffer voller Wollen: Wie ich mit 50 Mark und einem Wörterbuch ein internationales Unternehmen aufbaute").

Ich bin mir sehr sicher, dass in anderen Familien ein anderer Spirit vertreten ist. Dass sich harte Arbeit lohnt, dass man langfristig denken muss. Dass du dein Einkommen an deine Wünsche anpassen musst und so wachsen kannst.

Wenn du andere Eltern hast, die selber hart gearbeitet und was erreicht haben, reden die ganz anders.
Da wird keiner sagen, dass man nicht zu weit wegziegen soll, damit man sich um die Familie kümmern kann (um die Eltern, um verfühgbar zu sein). Man hat auch eine andere Art zu reden mit auf den Weg bekommen, wie gutes Benehmen usw.

Versteh mich nicht falsch, ich bin nicht wütend darüber (nicht mehr). Ich habe es einfach sehr eindrücklich in der letzten Zeit mitbekommen.

Es ist einfach so. Da hat keiner Schuld dran.
Aber es ist Zeit wieder kleinere Brötchen zu backen und nicht von einer Zukunft zu träumen, die ich nicht erreichen kann.


Das Gute ist, ich muss auch gar nicht. Ich muss nichts müssen. Muss nicht die ganze Welt gesehen haben oder irgendwie mithalten können.

Ich muss nur so leben, wie ich es für richtig und gut halte. Und wie ich es eben hinbekommen kann.

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Letzte Aktualisierung: 2021.01.25, 11:46
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